BlickPUNKT Wanne-Eickel

Wanne-Eickel hatte mal eine Stadtillustrierte!

 Was mag Wanne-Eickels Stadtväter im Jahr 1960 nur geritten haben? Plötzlich strahlte die Stadt, bzw. ein Pärchen (fesches, blondes Fräulein – grinsender Bergmann mit Deko-Grubenlampe um den Hals) vierfarbig von 23 x 34 cm groĂźem bedruckten Papier. „BlickPUNKT Wanne-Eickel“. Eine 32-seitige Stadtillustrierte, plötzlich, ohne VorankĂĽndigung und ohne Not mitten im Jahr 1960 einfach auf den Tisch geknallt. Herausgegeben vom Presseamt der Stadt Wanne-Eickel.

Natürlich hatte das Presseamt auch in den Jahren davor mal das eine oder andere herausgegeben. Ist ja schließlich sein Job. Kleine Broschüren, städtische Berichte, Presseinfos, Bilder. Aber das hier war eine richtige Illustrierte! Rasantes Layout, viele große Bilder, bunte Themenpalette, plus: eine Wanne-Eickeler Kurzgeschichte, sogar ein Wanne-Eickel-Kreuzworträtsel und ein Hauch Erotik auf dem Titel: Arbeit ist sexy!

Also wurde die graue Maus geputzt. Zwar überwiegend auf Schwarzweißseiten, aber mit allem, was aufzufahren war: Da werden die Plastiken und Wandbilder der Dannekampschule beispielhaft für die künstlerische Ausgestaltung der Schulneubauten gezeigt, da dirigiert ein Winfried Kocea seinen ersten Chor. Die Garde deutscher Bühnen-Größen von Josef Meinrad bis Theo Lingen bezeugen mit ihren Bildern, dass der Saalbau Wanne-Eickel mindestens in die Oberliga der deutschen Spielstätten gehört. Grüne Oasen, Sportstätten und kreativ tätige Menschen bestimmen spielend, lesend, musizierend oder kochend das Bild der Stadt. Da wird stolz eine Fußgängerampel präsentiert und forsch getextet: „Sein eigener Verkehrspolizist ist ‚König Fußgänger’; ein Druck aufs Knöpfchen, schon kommt das ‚Grün’-Zeichen.“ Und da wird eine Zukunft gemalt, die dann in Wirklichkeit ganz anders wurde, als 1960 mutig geträumt.

So fabulierte man laut darüber, der vielgeliebten, oft vermissten „Käseglocke“ (ehem. Stadthalle an der Josefs-Kirche) baldigst eine Nachfolgerin zu geben. „Der Planungsauftrag wurde bereits verteilt“, heißt es dann forsch zu Thema Ost-West-Verkehr: „Die OW III (heutige Achse: Gelsenkircher Straße – Berliner Straße – Heerstraße), schon in naher Zukunft kreuzungsfrei, nimmt den wesentlichen Ost-West-Durchgangsverkehr auf.“ Und als sollten am nächsten Tag schon die Bagger anrollen wird den staunenden Bürgern die schienenkreuzungsfreie Verbindung des Eickeler Bruchs mit der Schlachthofstraße oder der Ausbau der Dorstener Straße vorgestellt. Während eine „OW III“ bis heute nichts kreuzungsfrei verbindet, sind zumindest die beiden letzteren Projekte verwirklicht worden. 20 bis 30 Jahre später, aber immerhin.

1960 herrscht Aufbruchstimmung (oder Zweckoptimismus?), und, einmal in Schwung, verkündet das Rathaus dann kühn: „Zwischen der Stöck- und Schubertstraße sowie an der Wibbeltstraße sollen Parkplätze mit jeweils zwei Etagen geschaffen werden.“ Angesichts des Frauenüberschusses in Wanne-Eickel versprechen die Stadtväter dann „Arbeitsplätze für Frauen und Mädchen. Dieser Aufgabe will sich die Stadt künftig vordringlich widmen.“ Und verweisen ohne falsche Bescheidenheit darauf, dass Wanne-Eickel die erfolgreichen Rezepte gegen die allerorten beginnende Bergbaukrise hat: „Mit einigem Stolz darf wohl das modernste Werk der Welt für Asbestzement-Erzeugnisse, die WANIT in Unser-Fritz, genannt werden. Mit fast 500 Beschäftigten trägt dieses Unternehmen entscheidend zu den Bemühungen bei, die Wirtschaft Wanne-Eickels auf ein breites, krisenfestes Fundament zu stellen.“ Auf den falschen Werkstoff gesetzt: Wie sich 30 Jahre später herausstellte, sollte die richtungsweisende Asbest-Zukunft nicht einmal annähernd die Halbwertzeit der Kohle-Vergangenheit haben.

Aber BlickPUNKT Wanne-Eickel versprach den Bürgern nicht nur schöne Aussichten, sondern quoll über vor ziemlich ungetrübtem Selbstbewusstsein. Da wurde aus der kleinen, eingezwängten Großstadt die „Stadt der Schulen“ mit einer „weit über die Landesgrenzen hinaus“ Anerkennung und Beachtung findenden Berufs- und Berufsfachschule. Der Physikraum der Realschule wurde zur „Miniaturausgabe eines Universitätshörsaals“, die „Moorlandschaft im Sportpark – wenn auch nur wenige Quadratmeter groß“ zur „gärtnerischen Meisterleistung“ und die Stadtbücherei zum „Schlaraffenland für Bücherfreunde“. In dem „reife Leser“ auch solch Anrüchiges wie „Lady Chatterley“ finden konnten. Und da wurde dem staunenden Volk unmissverständlich beschieden: „Klare Linie verlangt der Städtebau. Der Rat der Stadt bestimmt sie, und so wächst ein neues, schöneres Wanne-Eickel.“

BlickPUNKT Wanne-Eickel ist Kult. Damals vielleicht nicht – aber heute! Hatte es so etwas bis dato schon mal in den Nachbarstädten gegeben? Woher, zum Kuckuck, hatte Wanne-Eickel die Idee zu dieser Bürgerillustrierten? War es Mut, der die Verantwortlichen trieb, oder eher die nahende Verzweiflung? Schließlich wusste man um die Folgen des Zechensterbens, der Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Selbstkritisches ist in dem Heftchen nämlich auch zu finden: „Wir haben es nicht geschafft. Es muss weiter geplant und gebaut werden“. Oder: „Straßen sind bei uns sprichwörtlich gut. Ausnahmen bestätigen die Regel“. Und: „Es ist ein offenes Geheimnis, dass Wanne-Eickel eine finanzschwache Stadt ist.“ Ursache: die einseitige Wirtschaftsstruktur.

Natürlich versuchte sich BlickPUNKT auch als pädagogisches Instrument, um die Bürgerinnen und Bürger auf Kurs zu bringen. „Sicherheit über alles, heißt die Devise, auch wenn kein Auto naht“. Denn, „Kinder sind oft verständiger als Erwachsene“. Und während die „Mädchen mal tüchtige Hausfrauen werden sollen“, geht es den „Knattermaxen am Steuer“ mit einem neuartigen Phonmessgerät an den Kragen.

Übrigens: Unsere heute so vielbesungene Cranger Kirmes kommt in der Illu von 1960 nur einmal, klein und am Rande vor. Mit einem ziemlich lustlosen Foto (Kirmesbesucher von hinten) und der dramatischen Fehleinschätzung: „Ökonomisch ist die Cranger Kirmes nur für die Beteiligten von Bedeutung“. Daran glauben heute selbst die Herner nicht mehr!

Junge, was waren wir heiß auf den Jugendverkehrsgarten. Die Autos sahen schon ziemlich erwachsen aus mit ihrer Gummibereifung, den Scheinwerfern und dem großen Lenkrad. Blöd nur, dass die Dinger keinen Motor hatten. Aber so richtig Tempo durfte man eh’ nicht machen. Der „Schutzmann“ war amtlich! Und peinlich war die Nummer mit dem Abbiegen: Hand raus und winken. Bah!
Verklärt es sich in meiner Erinnerung – oder gab es wenig später wirklich „Winker“ an den Autos, die man an einem Band rausziehen konnte? So ähnlich ging’s ja damals auch bei den großen…

 

 

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