Heino Diel - Tanzen konnte man bei ihm auch lernen

1935 - das Àlteste noch erhaltene Abschlussball-Foto der Tanzschule Diel

Eigentlich mĂŒsste man die Tanzschule Diel im Kapitel der Rekorde fĂŒhren: Schließlich ist sie mit ĂŒber 130 Jahren der Ă€lteste heute noch existierende Betrieb in Wanne-Eickel. Aber Heino war ebenso Kult. Wobei „Heino“ weniger den Menschen und Tanzlehrer Heinz Diel meint, sondern eher die Tanzschule an sich - oder besser noch, das Event „Tanzkursus bei Diel“. Jenes unvergessliche Ereignis im Leben vieler, vieler junger Wanne-Eickeler, zum ersten Mal beherzt ein MĂ€del anzufassen, das sich dabei (meistens) ĂŒberhaupt nicht wehrt. Adoleszenz in Wanne-Eickel, das war ĂŒber Jahrzehnte gleichbedeutend mit PubertĂ€t - Pickel - Heino - Schulabschluss. Gut, dazwischen gab es noch Klassenarbeiten und Parties, aber letztere waren eigentlich nur die (deutlich experimentellere) Fortsetzung von Heino.

... und so sah der Saal damals aus.

Die Motive fĂŒr einen Heino-Besuch und dessen Finanzierung konnten unterschiedlicher nicht sein. Die MĂ€dchen wollten Tanzen lernen und na ja, mal gucken. Die Jungs wollten das weibliche Geschlecht erkunden und dafĂŒr, wenn’s sein muss, auch tanzen. Und die Eltern gaben das Geld fĂŒr die Kurse gerne, weil sie hofften, dass endlich jemand dem Nachwuchs Manieren beibringt.

Heinz Diel, der Mann, der dem Nachkriegs-Wanne bis in die achtziger Jahre aufs Parkett half, sieht’s gelassen. FĂŒr ihn gehörten alle Aspekte dazu - auch wenn sich im Laufe der Jahre vieles mehr als nur die RocklĂ€nge geĂ€ndert hatte. Dabei war Heino nicht nur GralshĂŒter verstaubter Umgangformen, wie manche glaubten, sondern umschiffte mit dem sicheren GespĂŒr fĂŒr Trends und Moden manch kommerzielle Untiefe im Business.

Als ihm in den fĂŒnfziger Jahren stĂ€dtische Jugendpfleger im benachbarten Heisterkamp eine Jugend-Tanzveranstaltung fĂŒr den halben Eintrittspreis vor die Nase setzten, kreierte er die „Blue Jeans Party“. Verzichtete auf Dresscode und streute geschickt in die Jugend-Szene, dass bei ihm auch die jungen Damen rauchen dĂŒrften. NatĂŒrlich gingen

Nachkriegsdeutschland tanzte wieder: Abschlussball der Tanzschule Diel 1949. Heino noch solo (vorderste Reihe rechts).

dieselben trotz des höheren Eintritts dann lieber zum Heino als in den Heisterkamp. Und mit ihnen selbstverstÀndlich auch die Jungs. Schlacht gewonnen.

Nur einmal glaubte Heinz Diel, dass seine Schule vor dem Aus stĂŒnde. Beat, Rock und Underground ließen sich nicht kontern: Da tanzte jeder allein, erlernbare Schrittfolgen waren nicht zu erkennen - und das Jungvolk fasste sich noch nicht einmal an beim Tanzen! Aber auch diese schwere Phase ĂŒberstand die Tanzschule Diel, Anfang der Siebziger war dann Disco-Fox schwer im Kommen. Und die Standards fanden ebenfalls wieder Zuspruch. Nie in Frage gestellt waren ĂŒbrigens die zwischenmenschlichen Aspekte der Institution „Heino“ - als Kummerkasten oder Ehe-Anbahnungsinstitut. Wie viel vĂ€terlicher oder mĂŒtterlicher Rat der verzweifelten Jugendseele gespendet wurde, und wie viel BĂŒnde fĂŒrs Leben auf dem Parkett an der Hauptstraße ihre zaghaften Anfangsschritte nahmen, vermag niemand mehr zu zĂ€hlen.

Die Tanzschule Diel nach 1949. An der Fensterseite saßen die MĂ€dchen, ihnen gegenĂŒber die Jungen. Diese Sitzordnung ist ĂŒbrigens niemals vorgegeben worden. Selbst Heino wundert sich: “Seit mehr als 50 Jahren setzen sich alle automatisch auf diese PlĂ€tze.”

Über sichere Quellen verfĂŒgt der Chronist aber bei anderen elementaren Dingen, der Musik zum Beispiel. Wo heute digital gespeicherte Dance-Tracks ĂŒber ein virtuelles Mischpult am PC aufbereitet werden, gab es frĂŒher nicht mal einen Plattenspieler. Als Conrad Diel 1872 aus einem kleinen hessischen Kaff nach Wanne kam, besaß er nicht viel mehr als eine Geige und das Talent, anderen Menschen rhythmische Bewegungen beizubringen. Getanzt wurde in großen Wohnungen und in den Gesellschaftszimmern von Kneipen.

Nach 30 Jahren in Wanne ĂŒbergab Conrad Diel den Taktstock an seinen Neffen Heinrich, der 1922 des Umherziehens durch fremde LokalitĂ€ten mĂŒde wurde und seine eigenen UnterrichtsrĂ€ume baute. Der Geige war lĂ€ngst ein Klavier gefolgt und nun sogar ein Grammophon. Damit lernten auch seine Kinder tanzen, die spĂ€ter allesamt Tanzlehrer wurden und eigene Schulen in der nĂ€heren Umgebung grĂŒndeten. Denn Abtreten wollte Heinrich Diel noch lange nicht. Erst als auch NachzĂŒgler Heinz in die Fußstapfen seines Vaters trat, bahnte sich der Generationswechsel an. Noch wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs begann Heino seine Tanzlehrerausbildung an der Folkwangschule Essen, dann musste in mĂŒhevoller Kleinarbeit der zerbombte Saal wieder hochgezogen werden. Auch an dem jungen TĂ€nzer selbst war der Krieg nicht spurlos vorĂŒber gegangen:

Generationswechsel: Auf diesem Foto von 1954 sind Heinrich (links außen) und Heinz Diel (rechts sitzend) zu sehen.

Die Folgen eines Beckenschusses, der Heinz Diel als Soldaten erwischte, haben ihm das Tanzen nicht unbedingt erleichtert - wenn auch das ihm oft angedichtete Holzbein definitiv ins Reich der Fabel gehört.

Bis weit in die FĂŒnfziger Jahre sah man Senior und Junior gemeinsam mit ihren SchĂŒlern auf den Abschlussball-Fotos. 1956 tauchte dann Burga auf den Bildern auf, pardon Frau Diel (denn: Heino war Heino, und Frau Diel war Frau Diel, jedenfalls fĂŒr die Meisten). Bevor es so weit war, musste aus der ChefsekretĂ€rin, als die sie wenig Akzeptanz in der Familie gehabt hĂ€tte, erst eine Tanzlehrerin werden. Über Jahrzehnte saß sie dann an ihrem Empfangstisch und demonstrierte uns mĂ€nnlichen Eleven so manches Mal, wie hervorragend eine Dame tanzen kann, selbst wenn der „Herr” des FĂŒhrens absolut unfĂ€hig war. Zum Ohren-rot-werden.

Premiere fĂŒr Burga: Seit 1956 war auch Frau Diel fester Bestandteil von “Heino”.

1982 war die vierte Generation dann soweit. Tochter Susanne Diel und Ehemann Gerald Zinß traten in die historischen Fußstapfen. Auch heute, fast 20 Jahre nach Heino, ist die Tanzschule Diel immer noch eine Institution in Wanne-Eickel. Tanzen als sympathischer Ausgleichssport

Der Saal seit den achtziger Jahren - Ă€hnlich wie ihn die heutigen SchĂŒler kennen.

und gesellschaftliches Ereignis fĂŒr die Ă€lteren Semester. Die Jungen interessieren sich immer noch fĂŒr die MĂ€dchen (und umgekehrt) - und wo sonst kann man in Wanne die Video-Choreografie der Stars lernen als bei Diel-Zinß? Eben - die Diels hatten schon immer ein Monopol. Mittlerweile seit ĂŒber 130 Jahren.

 

 

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Die Weltmeister im Rock’n’Roll-Formationstanz

Wollen Sie wissen, was die Tanzschule Diel heute so macht? Neugierig auf eine Bildgalerie mit aktuellen Fotos? Dann klicken Sie mal (ganz oben auf der Seite) den Link der Tanzschule Diel.

 

 

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