Jazz Wanne

Am Anfang waren es drei. Der Pianist Conny Wyludda, Schlagzeuger Horst Offergeld und Bassist Hartmut Krowarz sahen Ende der 50er Jahre kaum eine M├Âglichkeit, ihren Jazz in Wanne-Eickel so zu spielen, wie sie eigentlich wollten. Probten sie in einem st├Ądtischen Jugendheim, mussten sie um 22 Uhr aufh├Âren. Probten sie in Wyluddas

Eine freundliche Helferin erbarmt sich des durstigen Schlagzeugers Horst Offergeld. Am Bass steht Gastmusiker Ernst H. Hilbich, rechts im Bild Pianist Heinz Oelmann.

Wohnung, gab es ├ärger mit den Nachbarn. Und in den Kneipen gab es auch wenig M├Âglichkeiten. Irgendwann kam dann der Vierte dazu: Heinz Oelmann hatte sich als Pianist im Ruhrgebiet bereits einen Namen  gemacht, erweiterte das Trio zum Quartett, gab damit Wyludda die Gelegenheit, das Vibraphon f├╝r sich zu entdecken, und brachte eine Idee ins Rollen. Diese Idee bescherte Wanne-Eickel ein kleinen, aber ungemein feinen Club, der f├╝r mehrere Jahre die erste Adresse des Jazz im Ruhrgebiet sein sollte.

Auf der Suche nach R├Ąumlichkeiten wurden die Jazzer und einige Freunde, die sie unterst├╝tzten, in der allerletzten Ecke f├╝ndig: Am Bahndamm in Wanne-S├╝d (heute: Heitkampsfeld) mieteten sie R├Ąume im ersten Stock eines alten Backsteinbaus an. Ihr Nachbar im Parterre: ein Bierverlag, mit dem praktischerweise nie ein Getr├Ąnkeengpass auftreten konnte. Im Januar 1960 zogen die Musiker dann ein. Nicht um zu wohnen, sondern um zu musizieren. F├╝r sich, f├╝r ihre Freunde, f├╝r Publikum. Die Jazz Wanne hatte kein Programm, sie war Programm. Wer des abends in die engen, dunklen R├Ąume kam, wurde Zeuge einer Probe oder einer Jam-Session oder eines Konzertes. Oder einer der vielen Diskussionen ├╝ber kulturelle und politische Themen.

Multi-Instrumentalist Conny Wyludda am Bass.

Der Zufall bestimmte meist, wer auf der B├╝hne stand. Immer mehr Musiker aus dem ganzen Ruhrgebiet kamen abends in die Jazz Wanne, brachten ihre Instrumente mit, nahmen die musikalischen Herausforderungen an oder stellten selbst welche. Bald wurde es international am Bahndamm. Durch den guten Ruf des Clubs neugierig geworden, lie├čen sich die in Dortmund stationierten Briten Tony Watson, Tom Harris und John Donally gerne nach Wanne-S├╝d einladen. Mit Saxofon und Trompete erweiterte sich das Klang- und Ausdrucksspektrum des urspr├╝nglichen Wanne-Eickeler Modern Jazz Quartetts. Die musikalischen Abenteuer dieser Modern Jazz Group lockten ├╝ber Monate Scharen von Musikfans zum Bahndamm, die winzigen R├Ąume waren meist brechend voll. Eintritt wurde nicht erhoben, die Jazz Wanne war pure Leidenschaft. Wenn die Musiker mal ein paar Mark brauchten, spielten sie eben ÔÇ×drau├čenÔÇť in Tanzcombos oder auf Jazz-Konzerten.

Statt auf ihr ungemein kreatives Aush├Ąngeschild stolz zu sein, lie├čen Stadt und Lokalpolitiker kaum etwas unversucht, um der Jazz Wanne den Saft abzudrehen. Die Musiker und ihre Freunde waren autonom, selbstbestimmt und selbstbewusst. Zudem vers├╝ndigten sie sich an nahezu allem, was Ordnungsbeh├Ârden und Gastronomen heilig ist. Der Club hatte angeblich zu wenig Toiletten, ignorierte die Sperrstunde, nahm keinen Eintritt und verzichtete auf einen Gewinn aus dem Getr├Ąnkeverkauf. Aber alle Drohungen und Schlie├čungsversuche fruchteten nicht, schlie├člich war die Jazz Wanne rein rechtlich ein privater Verein, auf den diese Gesetze nicht angewendet werden konnten.

W├Ąhrend von drau├čen mal versucht wurde, den Clubbetrieb zu st├Âren oder ihn f├╝r eigene (politische) Zwecke zu vereinnahmen, kam es drinnen zu weiteren spektakul├Ąren musikalischen Begegnungen. G├Ąste aus England, Belgien, Schweden  und Polen jazzten mit den Wannern, Albert Mangelsdorff machte

Das Fernsehen war mehrfach zu Gast am Bahndamm. Auch Standaufnahmen geh├Ârten dazu. Als Musiker im Bild: Horst Offergeld sowie Conny Wyludda am Vibraphon.

durch bis zum Morgengrauen und auch ÔÇ×BranchenfremdeÔÇť scheuten den Weg zum Bahndamm nicht. So kam der D├╝sseldorfer Kabarettist und Schauspieler Ernst H. Hilbich der Einladung nach Wanne ebenso gerne nach wie in der Schlussphase des Clubs der Schriftsteller G├╝nther Grass.

Kurz nach dem Besuch des sp├Ąteren Nobelpreistr├Ągers kam das Aus f├╝r die Jazz Wanne. Die Stadt verf├╝gte im Herbst 1966, dass nach 22 Uhr nicht mehr live gespielt werden durfte und schickte kurz darauf die K├╝ndigung hinterher, weil das Haus f├╝r eine Stra├čenerweiterung abgerissen werden sollte. Der Zeitpunkt f├╝r diese b├Âsartige Attacke war g├╝nstig gew├Ąhlt. Es hatte sich etwas Jazz-M├╝digkeit in Wanne-Eickel eingestellt, und dementsprechend schwach fiel die Gegenwehr der Musiker und Jazzfreunde aus. Diesmal fehlte die Kraft, wie im Fr├╝hjahr 1961 die drohende Schlie├čung abzuwenden. Ende 1966 erklang der letzte Ton am Bahndamm 3. Im Januar 1967 r├╝ckten die Bagger an. Seitdem k├Ânnen Lastwagen die Stra├če viel bequemer passieren.

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