Pommes K├╝hn: Drei Damen vom Grill

Einmal Pommes mit Majo. Okay, Sch├Ąlchen, Pommes aus der Friteuse (wieder nicht richtig abgetropft), mit dem Salzstreuer dr├╝bergewedelt, Fritten in die Pappschale, ├╝berstehende Exemplare mit den Fingern zur├╝ckschieben, das H├Ąufchen Pommes unter den Mayonnaisespender halten, abdr├╝cken, Schale einwickeln, ÔÇ×St├Ąbchen dabei?ÔÇť Nee, lass ma!

Ich habe eine Traum. Der beginnt damit, das sich eine feine Pergamentt├╝te wie von Zauberhand ├Âffnet. Nachdem die Fritten genug Zeit hatten, das Fett abzustreifen, werden sie richtig gesalzen. Mit k├Ârnigem Salz, das noch eine Weile auf den Pommes Frites glitzert. Nachdem die goldenen St├Ąbchen sorgf├Ąltig mit dem Salz vermischt worden sind, kommen sie in die T├╝te. Bis zum Rand, so dass oben drauf nur noch ein guter Schlag Mayonnaise passt. Mit dem L├Âffel nat├╝rlich. Und mein Traum geht weiter. Mit einem gro├čen Blatt Pergamentpapier, das kunstvoll um die bereits aufs herrlichste gef├╝llte T├╝te geschlagen wird. Jetzt hat sich das Volumen verdoppelt. Platz genug also f├╝r eine weitere Portion feiner Pommes Frites. Und die wird nat├╝rlich ebenfalls von einem ├╝ppigen Schlag Mayonnaise gekr├Ânt.

Ikonen der Pommeskultur: Lina und Johanna K├╝hn, fotografiert von Klaus Wilbrandt

Und genauso sorgf├Ąltig, wie dieses Kunstwerk der Schnellgastronomie geschaffen wurde, will es nun auch gegessen werden. Unterwegs nat├╝rlich, denn ÔÇ×Hier essenÔÇť oder ÔÇ×zum MitnehmenÔÇť gibt es in meinem Traum nicht. Der Griff ist das wichtigste. Wer zu fest zupackt, wird sp├Ąter in der unteren T├╝te auf matschige Fritten sto├čen. Wer den Griff zu locker w├Ąhlt, riskiert die obere H├Ąlfte der T├╝te samt k├Âstlichem Inhalt. Denn nichts ist geklebt, alles nur gewickelt. Von dem losen Papier trennt man sich nat├╝rlich erst, wenn man auf die zweite Schicht Mayonnaise st├Â├čt. Zum Boden der spitzen T├╝te reicht das St├Ąbchen aber nicht hinunter. Also Kopf in den Nacken und das letzte halbe Dutzend Kartoffelst├Ąbchen genussvoll ├╝ber den Rand in den Mund rutschen lassen.

Bis vor zehn Jahren konnte ich mir meinen Traum erf├╝llen. Bei Pommes K├╝hn in der M├Ąrkische Stra├če. Nat├╝rlich hatte in den sp├Ąteren Jahren der Zeitgeist auch vor dieser Imbiss-Institution nicht halt gemacht. Lina K├╝hns erster Griff galt dann dem Sch├Ąlchen. ÔÇ×Nee, bitte wie fr├╝her.ÔÇť Musste ich erkl├Ąren, dass ich als Sch├╝ler immer nach dem Hallenbad und meist noch mit nassen Haaren nach der T├╝te Pommes lechzte? Musste ich erl├Ąutern, dass ich zu einer der Dutzenden Sch├╝lergenerationen zwischen 1959 und 1992 geh├Ârte, f├╝r die es keinen anderen Heimweg gab als den durch die M├Ąrkische Stra├če? Egal, ob sie von der Penne, dem Hallenbad oder von Diel kamen. Nein, selbstverst├Ąndlich bekam ich meine T├╝te auch ohne gro├če Worte. Mit einem Grinsen - und fast so perfekt wie fr├╝her. Allerdings zum Preis einer doppelten Portion - wir waren ja schlie├člich nicht mehr in den 1960er Jahren.

An Lina K├╝hn erinnere ich mich als eine freundliche aber, wenn es sein musste, auch durchaus resolute Person. Neben ihr werkelte h├Ąufig ihre Schwester Johanna. Oft wurde man auch von einer grimmig dreinblickende Dame mit respektablem Bartwuchs bedient, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Aber sie beherrschte den T├╝ten-Trick nat├╝rlich ebenfalls.

H├Ątte es diese herrlichen Kunstwerke nicht gegeben, w├Ąre Imbiss K├╝hn sicher nicht zum Kult f├╝r Generationen geworden. Der Imbiss war winzig, die nackten Fensterfl├Ąchen zur M├Ąrkischen im Winter beschlagen. Das Interieur in den 1960ern w├╝rde ich als ausgesprochen rudiment├Ąr bezeichnen. Resopal-Design, scheu├čliche Tapete. Und hinter der Glastheke war das Angebot sehr ├╝berschaubar. Bratwurst, H├Ąhnchen, kleiner Salat. Hab ich nie gegessen. Was sich neben dem Pommes aber wirklich noch lohnte, war das Schaschlik. Das lie├č man sich auf einem Porzellanteller servieren und a├č es vor einem schmalen Wandbord stehend.

Die Schaschlikso├če war selbstgemacht, nix aus der T├╝te oder dem Eimer. Und diese d├╝nnfl├╝ssige, wunderbare, braune Fleischbr├╝he gab es auch auf die Kartoffeln, wenn man Pommes mit So├če bestellte. Was zwar ungeheuer matschte, aber ebenfalls klasse schmeckte. Im April 1992 war Schluss mit Pommes K├╝hn. Lina, von der die meisten glaubten, dass sie eigentlich ÔÇ×OmmaÔÇť K├╝hn hie├če, musste von Angeh├Ârigen f├Ârmlich in den Ruhestand gedr├Ąngt werden. Ihre letzte Schicht auf der M├Ąrkischen Stra├če fuhr die Grand Dame der Kartoffelst├Ąbchen mit 87 Jahren.

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