Nach Wanne-Eickel kam die Eisenbahn eher durch einen Zufall. Oder genauer: Weil die Betreiber der C├Âln-Mindener-Eisenbahngesellschaft knauserig waren. Als sie ihre Pionierstrecke planten, ├╝berh├Ârten sie das Buhlen von St├Ądten wie Essen oder Bochum, die gerne einen sch├Ânen Bahnhof gehabt h├Ątten. Stattdessen w├Ąhlten die Eisenbahner die billigere Streckenf├╝hrung durch das d├╝nn besiedelte Emschertal. Und so ratterte 1847 zwischen Bickern, R├Âhlinghausen und Eickel eine Eisenbahn durchs Bauernland.

F├╝r ein wenig Interesse und Aufregung hatte sie nur kurz zuvor gesorgt, als beim Bau der Strecke Arbeitskr├Ąfte vor Ort ben├Âtigt wurden. Manch Tagel├Âhner verdiente sich dabei einige wenige Taler - und konnte nach Fertigstellung zusehen, wie das Wunderwerk der Technik ohne anzuhalten an ihm vorbeifuhr. F├╝r einen eigen Bahnhof war das Land nun wirklich zu d├╝nn besiedelt.

Als ein paar Jahre sp├Ąter die ersten Zechen kamen, brauchten die zum Abtransport der Kohle einen kleinen Bahnanschluss. 1856 entstand an der heutigen Ulmenstra├če der G├╝terbahnhof Pluto-Thies. Acht Jahre sp├Ąter durften an diesem Haltepunkt dann auch Personen ein- und aussteigen.

Zur ernstzunehmenden Eisenbahnstation wurde das ganze aber erst 1872, nachdem eine Strecke von Wanne ├╝ber Gelsenkirchen nach Wattenscheid und eine weitere von Wanne nach M├╝nster gebaut waren. Der Bahnhof in der Wanne war pl├Âtzlich ein Knotenpunkt und wurde zum Namensgeber der z├╝gig wachsenden Gemeinde - aber das hatten wir ja schon in einem anderen Kapitel.

Kaum stand der Bahnhof, kam die Emschertalbahn hinzu, die nach Oberhausen im Westen und ├╝ber Herne und Castrop bis nach Dortmund im Osten f├╝hrte. Selbstverst├Ąndlich ├╝ber Wanne. Wer vom Rheinland oder aus dem Ruhrgebiet nach Berlin wollte, musste ├╝ber Wanne reisen, und im Jahr 1884 bekam Wanne einen internationalen Anschluss. Zwar nur nach Winterswijk - aber immerhin. Und um den Nahverkehr nicht zu vergessen: Nach S├╝den ging es ├╝ber R├Âhlinghausen und Hordel ebenso flott wie auf der Strecke ├╝ber Riemke nach Bochum.

Wanne war pl├Âtzlich ein Big Player im Eisenbahngesch├Ąft, die Wirtschaft florierte und 2.000 Arbeitspl├Ątze zur Jahrhundertwende waren ein sch├Ânes Pfund. Die noch nicht einmal 15 Jahre zuvor feierlich er├Âffnete Personen- und G├╝terstation platze aus allen N├Ąhten, vergr├Â├čern, an- oder ausbauen ging nicht mehr. Etwas neues, viel Gr├Â├čeres musste her. Vor allem musste der Personen- vom G├╝terverkehr getrennt werden. Schon 1885 war mit dem Bau des Verschiebebahnhofes begonnen worden, dem eigentlichen Knoten Wanne.

Etliche Eisenbahnstr├Ąnge mit reichlich Dampfverkehr durchschnitten das Stadtgebiet, die Bahn├╝berg├Ąnge erlaubten kaum noch ein Durchkommen von Wanne nach Eickel. Unterf├╝hrungen und Br├╝cken mussten her - und als die fertig waren und der neue G├╝terbahnhof stand, machte man sich 1909 an den Bau eines neuen Personenbahnhofes weitab der alten Station. 1913 wurde das Paradest├╝ck in Betrieb genommen. Und da es bereits drei weitere Bahnh├Âfe gab, n├Ąmlich Unser Fritz, R├Âhlinghausen und Hordel-Eickel, wurde der neue bald zum Hauptbahnhof bef├Ârdert.

Eitel Freude Sonnenschein - h├Ątte es nicht Bochum oder Essen gegeben, durch deren Innenst├Ądte die wesentlich unbedeutendere bergisch-m├Ąrkische Eisenbahnlinie f├╝hrte. Was den Essener Stahlbaron Friedrich Krupp, immerhin einer der einflussreichsten M├Ąnner Deutschlands  am meisten wurmte, war die Tatsache, dass die K├Âln-Mindener-Linie ihren Bahnhof in Altenessen hatte. Welch Skandal: ausgerechnet in Altenessen, dem h├Ąsslichen Proloviertel, und nicht bei Friedrich vor der Haust├╝r.

Wie gro├č der Einfluss von Krupp und Konsorten war, bekam der Hauptbahnhof Wanne-Eickel deutlich zu sp├╝ren. Zun├Ąchst wurde in Essen eine Eisenbahndirektion eingerichtet, die dann auch immer mehr Z├╝ge von der K├Âln-Mindener abzog und auf die Bergisch-M├Ąrkische setzte. Die Wanne-Eickeler schrieben sich die Finger wund, protestierten, wurden vorstellig und wurden ein ums andere Mal auf Magerkost gesetzt. Die Paradez├╝ge fuhren ├╝ber Essen und Bochum - und Wanne-Eickel bekam das Kleinvieh. Das macht aber bekanntlich auch Mist und Wanne-Eickel das beste daraus. W├Ąhrend der Kriege waren beide Strecken sowieso gleichm├Ą├čig ausgelastet - und in den besten Friedensjahren schafften es die Wanne-Eickeler, mehr als 400 Personenz├╝ge pro Tag abzufertigen.

Als der Bahnhof mach dem Zweiten Weltkrieg seinen vollen Betrieb wieder aufgenommen hatte, strotze er vor Superlativen. Er vereinigte als einziger im Bundesgebiet alle Hauptbetriebsarten: Personenbahnhof, Verschiebebahnhof, G├╝terumschlagplatz Schiene-Stra├če und Heimatbahnhof f├╝r ├╝ber 100 Lokomotiven und mehr als 200 Waggons. Auf der gr├Â├čten St├╝ckgut-Umladestelle Deutschlands konnten 352 G├╝terwagen gleichzeitig zum Be- und Entladen an den 2.100 Meter langen Ladekanten angestellt werden. Die gesamte Anlage war vier Kilometer lang und bestand aus 120 Kilometern Gleisen, an der breitesten Stelle f├╝hrten 70 Spuren nebeneinander her. Und in einer offiziellen Brosch├╝re aus den 1960er Jahren bezeichnete sich Wanne-Eickel stolz als Stadt mit den l├Ąngsten Bahnsteigen Deutschlands.

Doch die Anliegerst├Ądte der bergisch-m├Ąrkischen Linie waren einfach st├Ąrker. Immer mehr Zugverkehr wurde auf die s├╝dliche Strecke verlagert. 1950 begann dort die Elektrifizierung - und erst als in Essen und Bochum bereits alle wichtigen Z├╝ge elektrisch fuhren, wurde in den 60er Jahren auch Wanne-Eickel langsam umger├╝stet. Nord-S├╝d-Verbindungen wurden wegen angeblicher Unwirtschaftlichkeit eingestellt (siehe die Salzstrecke) oder ├╝ber Herne gef├╝hrt, obwohl im dortigen Bahnhof vor einer Weiterfahrt immer die Lok umgekoppelt werden musste. Die Zechen- und viele Industrieanbindungen wurden stillgelegt.

Der einzige Trumpf, den man Wanne-Eickel nicht nehmen konnte, waren die umfangreichen Anlagen f├╝r einen Rangier- und Lokomotivwechseldienst. Nirgendwo im n├Ąheren Umkreis gab und gibt es etwas vergleichbares. Und das alles noch auf der Basis des Bahnhofsumbaus vor 100 Jahren. Vielleicht hat die damalige Weitsicht den Hauptbahnhof Wanne-Eickel ja davor bewahrt, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen.

Stadt der 1.000 Z├╝ge: die l├Ąngsten Bahnsteige - der gr├Â├čte G├╝terbahnhof

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